Das Eis ist heiß

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Der Schock ist atemberaubend erhohlsam. Dass Kälte so brennen kann! Gerade noch saß ich auf der Saunabank und fühlte Schweiß aus jeder Pore perlen. Nur ein paar Handbreit haben mich von der dunklen Eiseskälte des nordfinnischen Winterplaneten getrennt, aber ich war zutiefst entspannt. Der Schritt nach draußen in den Schnee wurde immer wieder hinausgezögert, dann aber war‘s mir plötzlich zu heiß und ich habe die Tür aufgestoßen. Augenblicklich greift jetzt der unfassbar kalte Weltraum nach mir. Ich dampfe von Kopf bis Fuß. Im nächsten Moment wälze ich mich sogar im Schnee, wie im Delirium. Bis das Prickeln einsetzt, zum Brennen wird und die heimelige Blockhütte samt Sauna verdammt einladend wirkt.

1970_1_DSC0525 BR ImagebankCoolness-Faktor: Unbezahlbar! Schnee oder eiskaltes Wasser nach der Sauna (Foto:Imagebank Finland)

Welch nachhaltige Frischzellenkur! Sich dem Winter so in die Arme fallen zu lassen, belebt für den Rest der dunklen Jahreszeit. Man schnappe sich Liebste oder Liebsten für vier Tage Lappland-Aufenthalt – möglichst gar in den düstersten Monaten Dezember und Januar -, fliege ohne Umschweife nach Kittilä und miete sich eine vorgewärmte Blockhütte in Äkäslompolo am Pallas-Yllästuntuturi-Nationalpark. Das unfehlbare Rezept mit den vielen Äs ist eine konzentrierte Dosis Finnenwinter mit allen Zutaten.

Riisitunturin kansallispuisto_1 (1 of 1)Eeva MäkinenRomantik-Faktor: Unschlagbar! Kuscheln am Lagerfeuer (Foto: Eeva Mäkinen)

Kaminfeuer und Sauna sind unsere Kuschelanker. Romantik im Tiefschnee braucht so ein Heim. Der erste gemeinsame Blick am türkis dämmernden Morgen schweift durch einen Vorhang aus Eiszapfen in eine weiße Weite an der Baumgrenze. Kälte glitzert wie Diamantenstaub und lockt unwiderstehlich. Schneeschuhe und Langlaufbretter stehen parat. Eine Kanne Kaffee und ein kräftiges Vollkornfrühstück mit Lachs vorweg, dann klacken die Bindungen um die Langlaufschuhe und schwupps geht‘s ab durch die Loipen. Die einzigen Spuren im Schnee sind tiefgefroren, wie auf Schienen surren und rattern wir hindurch. Wegweiser lesen sich wie der Buchstabenvorrat beim Scrabble. Menschen, Rentiere, Elche, Schneehasen und Füchse sind rar, verraten sich aber durch weithin sichtbare Spuren. Wer dem Elch nachspüren will, dem sei das Queren durch Tiefschnee mit Schneeschuhen geraten – die stehen auch vor der Hütte.

6544_AV_Love_Finland2_Close-up_04a_R4_RGB Antti ViitalaErlebnis-Faktor: Das Knuddeln in den Pausen ist für Mensch und Tier ein Genuss (Foto: Antti Viitala)

Für den Schneemann-Bau ist der Schnee zu kalt. Aber nicht für die Hunde. Die sind richtig heiß auf eine rasante Schlittentour. Mit gut zehn Stundenkilometern stechen wir ins Winterwunderland. Kuscheln im Schnee mit den Vierbeinern ist Mensch und Hund in den Pausen ein Bedürfnis. Weil wir auch mal so richtig aufdrehen wollen, geht‘s auch deutlich flotter: Auf dem Schneemobil pappt man in dicken Lagen aneinander und genießt eng umschlungen das Winterflitzen. Für Rentiere wird allerdings gestoppt. Ein Besuch im Gehege der Rentierfarm verschafft sogar die Möglichkeit, sich mal mit dem Lasso der viehzüchtenden Samen zu probieren. Und weil der Western Style im hohen Norden so gut passt, geht‘s dann später hoch zu Pferd zum Lagerfeuer. Stockbrot-Backzeit! Sage mal einer, die Nordfinnen hätten keinen Sinn für Romantik.

9245333675_3dc27f6b06_o Antti PietikäinenWow-Faktor: Nirgends sind die Polarlichter so intensiv wie im Norden (Foto: Antti Pietikäinen)

Die Nacht hat nur Schatten, wenn das Nordlicht über den Himmel huscht. Hier oben ist der Himmel klarer als an der Küste, weshalb das winterliche Feuerwerk gut zu beobachten ist. Nordlicht-Spotting mit Schneeschuhen erwärmt selbst die kälteste Nacht. Beim Bart des Weihnachtsmanns: Der nordfinnische Winter lässt einen wirklich nicht kalt!

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