Im Land des Hunderteinjährigen

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Wie könnte man einen besseren Einstieg in ein Land bekommen, als mit einem Überblick? Das denke ich mir zumindest, als ich auf dem Aussichtspunkt am Fuße des alten Glockenturms stehe und auf den ehemaligen Handelsplatz Jönköping am Ufer des zweitgrößten Sees Schwedens, dem Vättern, schaue. Die zehntgrößte Stadt des Landes mit rund 120 000 Einwohnern hat sich ihren vergangenen Charme erhalten. Neben den modernen Häusern sehe ich einige historische Bauten. Drumherum erstrecken sich bewaldete Anhöhen und immer wieder blitzen mir kleine Seen entgegen.

Ich will das Land des „Hunderteinjährigen“ kennenlernen, „der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“. Der Film war klasse, und den Vorgänger „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ habe ich als Buch verschlungen. Also reiße ich mich von der einmaligen Aussicht los und starte ins Abenteuer. Zuerst geht’s eineinhalb Stunden über die Route 40 bis in die zweitgrößte schwedische Stadt, Göteborg. Ich nehme mir ein bisschen Zeit, schlendere an den zahllosen Kaffeehäusern vorbei durch die Gassen und genieße die maritime Atmosphäre und das herrliche Sonnenwetter.

Göteborg, die zweitgrößte Stadt Schwedens1

Es soll noch besser kommen. Nach kurzer Kaffeepause sitze ich wieder im Wagen und breche auf zu den vorgelagerten Schären, den kleinen und größeren Inselchen, die westlich von Göteborg vor der Küste liegen. Durch unglaubliche Natur, durchsetzt mit kargen Felsen, geht es über Brücken und durch romantische Fischerdörfchen auf die Insel Marstrandsö. Die Marina mit ihrem tiefblauen Wasser und den schön restaurierten Bürgerhäusern am Rand sieht fast aus, als wäre ein hübsches Örtchen von der Côte d’Azur direkt nach Nordeuropa versetzt worden. Wie abgelegen Marstrandsö im Skagerrak wirklich liegt, zeigt der Blick von der über dem Ort thronenden Festung Carlsen. Eine Tour durch die Schärenwelt ist ein ziemliches Erlebnis, denke ich mir, als ich am Ende des Tages auch noch die Inseln Tjörn und Orust bestaunt habe und todmüde im Bett liege.

Schärenlandschaft nördlich von Göteborg2

Der nächste Tag bringt mich in die südlichste Wildnis Schwedens, nach Värmland. Als ich klein war, habe ich Nils Holgersson von Selma Lagerlöf verschlungen. Vor meiner Reise habe ich das Buch noch einmal gelesen – mit ganz anderen Augen. Jetzt fühle ich mich selbst wie der kleine Nils auf dem Rücken der Gans Martin, auf einer Reise durch Urwälder, entlang der 10 000 Seen und durch die menschenleere Gegend. Die Urlaubsregion ist ein Paradies und ein Dorado für Wanderer und Naturliebhaber. Immer wieder halte ich an und zücke die Kamera. Und am Ende des Tages stoppe ich am Gut Marbacka. Hier hat nicht nur die Nobelpreisträgerin Lagerlöf ihre Kindheit verbracht. Hier werden auch Bilder meiner eigenen Kindheit wach. Denn von diesem Ort aus startete Nils zu seiner Reise mit den Wildgänsen.

Dabei kam er auch am Siljansee vorbei, der am nächsten Tag auf meiner Route liegt. Die dazugehörige Region Dalarna kenne ich auch als „das Herz Schwedens“ ­– und hier tickt dieses Herz besonders stark. Jedes der kleinen und malerischen Dörfer hat seinen eigenen Charakter. Es geht vorbei an blumengeschmückten Höfen und die allgegenwärtige Natur und die malerischen Kiefernalleen begeistern mich. Wer Bilder von Schweden im Kopf hat, der hat sie wohl häufig unbewusst aus dieser Gegend. Ich steuere das Örtchen Tällberg an, das mir besonders ans Herz gelegt wurde. Zu Recht, muss ich sagen: Ich sehe malerische rote Holzhäuser, eingerahmt von sauber geschnitten Wiesen, die durch bekränzte Torbögen erreicht werden, im Hintergrund glitzert ein See. So stellt man sich Schweden vor!

Der Siljansee in der Region Dalarna3

Am nächsten Tag steht mir der Sinn wieder nach urbanem Leben und da kommt mir das rund 250 Kilometer entfernte Uppsala gerade recht. Das klingt weit, ist aber gefühlt ganz schnell erreicht, denn in Schweden unterwegs zu sein langweilt nicht. Immer gibt es etwas zu schauen und man muss sich wirklich zusammenreißen und auf den Verkehr achten – wenn es denn überhaupt welchen gibt. Der botanische Garten hinter dem Schloss ist genau das Richtige für eine Mittagspause. Ein bisschen Zeit bleibt mir, das studentische Flair in der Stadt zu schnuppern. Dann geht es wieder auf zu neuen Ufern.

Diese Ufer sind in Stockholm so zahlreich, dass sie noch niemand gezählt hat. Kein Wunder: Die Stadt ist auf 14 Inseln gebaut worden. Begeistert ziehe ich durch die Hauptstadt des Landes. Die Kulisse ist großes europäisches Kino, ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Immer wieder wandert mein Blick entlang der klassischen Fassaden oder ich halte (nie für lange) Ausschau nach einer Brücke oder einem Boot, um in einen noch interessanteren Teil der Stadt zu gelangen. Das Wasser ist nie fern und immer wieder setze ich mich für ein paar Minuten an irgendein Ufer. Gar nicht übel, dieses Land des Hunderteinjährigen. Warum der verschwand, weiß er auch nur selbst.

Die Altstadt der schwedischen Hauptstadt Stockholm4

Bildnachweise:
1 Per Pixel Petersson/imagebank.sweden.se
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4 Ola Ericson/imagebank.sweden.se

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