Kaffeepaussi und Küstenpanorama – Müßiggang zwischen Helsinki, Turku und Tampere

Share Button

Helsinkis Duft ist einzigartig. Mit geschlossenen Augen erschnuppere ich eine Melange aus Kaffee und Meer. Das prickelnde Geruchs-Panorama kommt nicht von ungefähr, denn in Finnland wird weltweit der meiste Kaffee getrunken – davon wenig to-go! – und kaum irgendwo gibt‘s so viel zerklüftete urbane Küstenlinie, dem riesigen Schärengebiet gedankt. Hell geröstete Bohne, hell reflektiertes Licht am Tage und lange danach, mein südfinnisches Sommer-Panorama überm Tassenrand wird atmosphärisch liebkost.

Kaffeepaussi? (Foto: Elina Sirparanta)

Kaffeepaussi beendet, Augen auf! Der maritime City-Blickwinkel imponiert mit diversen Leuchttürmen. Wie eine Domina im marmornen Korsett wirkt Alvar Aaltos Finlandia-Halle heute. Möwenflug rüttelt an der typisch finnischen Aufgeräumtheit. Als sinnlichen Gegenpol finde ich das aktuelle Kaisa-Haus der neuen Universitätsbibliothek; es ist abgerundeter, einladender, zugewandter, eben so, wie Helsinki sich im neuen Millenium präsentiert. Und so famos transparent, wie sich das neue Musikhaus in der Nachbarschaft von alten Diven wie Finlandia, Parlament, Nationalmuseum und Kunstmuseum abhebt, so dynamisch empfängt mich die Hauptstadt seit einigen Jahren.

Wer in Helsinki die Augen offen hält, wird belohnt (Foto: Aku Pöllänen)

Nach Porvoo fahre ich, um Finnlands Stadtpanorama so zu erleben, wie es sich vor 250 Jahren nach einem Großbrand einrichtete. Müßig stromere ich durch schnuckelige alte Gassen, über steile Felstreppen, mäandere durch blühende Parks und Gärten, garniert mit Reihen farbenfroher Holzhäuser, die alle bewohnt sind und deshalb fernab von Kitsch. Für die Einkehr habe ich die Qual der Wahl, aber warum nicht etwa ins „Zum Beispiel“, deutsch geführt, mit Bier und und lokalen ökologischen Grüßen aus der Küche.

Die Straßen von Porvoo (Foto: Jussi Hellstén)

In Turku spricht man Turun murre. Den angeblich sehr eigenen Dialekt höre ich natürlich nicht heraus, aber Dom und Burg bieten ein machtvolles Panorama des Selbstbewusstseins der ältesten Hauptstadt Finnlands. Am schönen Fluss Aura, der in die Schärenlandschaft im Westen Turkus entschlüpft, tauche ich intensiv in den Strom lokaler Müßigänger ein, gutes Essen und kreative Music-Acts in Pubs inklusive. Der berühmteste Pub, das WaterLoo, ist typisch englisch ausgelassen und war mal eine öffentliche Bedürfnisanstalt. In Turku würde ich mich als Bohemian schon niederlassen.

Turku – Finnlands älteste Stadt (Foto: Krista Keltanen)

Mein Ausflug nach Tampere bringt mich auf 150 Kilometer an Russland heran, was deshalb spannend ist, weil sich Lenin hierher vor den Nachstellungen des Zaren flüchtete. Im Lenin-Museum, wo er sich 1905 mit Stalin traf, finde ich Dokumente und den falschen Pass Lenins, mit dem er 1917 wieder nach St. Petersburg entwich. Das Vakoilumuseo spinnt den Faden der Heimlichkeiten weiter, ich tauche ein in Versatzstücke der Spionage-Welt. Dann schippere ich über den Pyhäjärvi, einen der beiden Tampere einzwängenden Seen und bekomme so den besten Blick auf erloschene Schornsteine, das Panorama einer Ex-Industriestadt markierend. Der Ausflug weckt meinen Appetit – hinauf also zum kulinarischen Höhepunkt im rotierenden Turmrestaurant Nasinneula.

Im Sommer lädt der See Pyhäjärvi zum Schwimmen ein (Foto: Harri Tarvainen)

Tallin ist zum guten Schluss noch ein passender maritimer Seitensprung von Helsinki ins Estnische. Ich esse Wildschwein mit Roter Beete. Das hat aber nichts mit dem mittelalterlichen Panorama der wunderschönen Stadt zu tun, sondern mit dem Herüberschwappen der Ideen postmoderner Nordic Cuisine. So passt‘s lecker zusammen, das Alte und das Neue an der Ostsee.

Share Button

Letzte Artikel von Martin Müller (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.