Sprießender Granit – der fruchtbare Schärengarten reizt zu aktivem Naturerleben

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Jährlich hebt sich das Inselreich zwischen Helsinki und Turku um gut einen Zentimeter aus der Ostsee. Stress bereitet so viel geologischer Aktionismus den Südfinnen aber nicht, obwohl sie, kommt der Sommer, dem Leben draußen jede Minute und jeden Zentimeter abgewinnen. Man fängt und räuchert Fisch, Erdbeeren kommen auf die Torte und werden zu Fruchtwein vergoren, auch Tomaten gedeihen prächtig unter der Mitternachtssonne. Vitamine satt, dazu sich räkelnder Granit: Kein Wunder, dass es mich im Schärengarten ständig juckt, Fahrrad oder Paddelboot auszuleihen oder in die Pilze zu gehen.

Kunstwerk: Die Temppeliaukio-Kirche wurde in einen Granitfels hineingebaut (Foto: Imagebank Finland)

Helsinki ist mein Türöffner für den Trip. Die kleine Millionenstadt verströmt ja schon fast Inselcharakter. Der aus dem Granit gehauene Felsentempel wirkt wie der Design-Cousin der vielen rustikalen Ortskirchen, die ich während der Woche aufstöbere. Ich wappne mich also mit Kultur, bevor‘s in die Natur geht.  Das frisch geliftete Kunstmuseum HAM ist ein Muss, danach geht‘s in das postindustrielle Viertel Kallio, wo sich lässiger urbaner Charme mit Kreativität mischt: In der 5th Street Bar & Café darf ich meinen Bierdeckel bemalen, damit der zu den vielen anderen Kugelschreiber-Skizzen gehängt werden kann.

Ab in die Natur (Foto: Kai Kuusisto)

Ab in die Natur! Und zum Kunsthandwerk. In Fiskars, wo lange Zeit hochwertige Scheren gefertigt wurden, bummle ich bei Glas- und Keramikgestaltern vorbei. Ekenäs hingegen entpuppt sich fast als lebendiges Freilichtmuseum des 19. Jahrhunderts, danach schaffe ich es noch bis Mathildedal, das vom nahen Teijo-Nationalpark profitiert. Ich baue eine Radtour über Landstrichen und Naturpfade ein und belohne mich mit lokal gebrautem Bier. Abseits von maritimer Kulisse stromere ich durch Waldfinnland, Pilze und Kräuter inklusive, wobei ich mich doch lieber von einem Naturführer beraten lasse. Die Tage sind lang, bei einer abendlichen Paddeltour muss ich nicht auf die Uhr schauen.

Bengtskär Antti ViitalaDer Leuchtturm Bengtskär ist der höchste in den nordischen Ländern (Foto: Antti Viitala)

Der maritime Ausflug geht ganz weit raus, von Kasnäs aus. Wikinger-Mahlzeit gefällig? Auf dem Inselchen Rosala gibt‘s ein Wikingerdorf, das eigentliche Tagesziel aber ist der stattliche Leuchtturm auf dem Felsen Bengtskär, wiederbelebt als Ausflugsziel mitten im Meer. Das ist karge Schären-Einöde pur, ohne Baum und Strauch.

Nach dem Auslüften tauche ich wieder ein in die Schären als Garten. Ich zockle vorbei an etlichen Maibäumen, die fast wie heidnische Fruchtbarkeit-Symbole in beinahe jedem Örtchen stehen. Flache, sehr glatte Felsen in kleinen Buchten sind dagegen nackt und warm, ideal zum wohligen Ausstrecken nachdem ich mir ein flottes Eintauchen in die Ostsee gegönnt habe. In der Stille meine ich fast den Granit sich heben hören. Ein abendlicher Saunabesuch mit Meerblick macht die totale Entspannung vollkommen.

Aboa Vetus & Ars Nova Vastavalo Timo ViitanenDas Museum Aboa Vetus & Ars Nova (Foto: Vastavalo/Timo Viitanen)

Irgendwie lande ich dann in Turku, der urfinnischsten aller Städte, die 2011 europäische Kulturhauptstadt war. Der beste Ausklang meiner Küstenreise ist der Besuch des einzigartigen Museums Aboa Vetus & Ars Nova, weil hier das archäologische Gedächtnis des stolzen Turkus mit moderner Kunst verzahnt wird – Turku als Kontinuum und heimliche Hauptstadt der Inselwelt.

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