Zwischen Eis und Schweiß in Nordfinnland

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Was ihm das Liebste am Sommer sei, fragte ich einen Finnen. „Der Winter danach“, verriet mir der Nordmensch allen Ernstes und lud mich nach Enontekiö ein. Nach einigem Suchen entdeckte ich die Gemeinde im entlegensten Zipfel Finnlands, umgeben von Schweden und Norwegen. Mehr Norden geht kaum, mehr Bilderbuchwinter auch nicht. Vor Schnee starrende Berge, von Eis versiegelte Seen und über den Himmel zuckendes Nordlicht sorgen dafür, dass die Nächte geheimnisvoller glitzern als die kurzen Tage.

Poromies Juhani LabbaReindeer man Juhani LabbaEnontekiö 1977Sami in traditioneller Kleidung in Finnish Lapland (Foto: Eero Kemilä / Imagebank Finland)

Ab Mitte Januar schweißt sich die Sonne durch die siebenwöchige Winternacht. Der Schnee schimmert blassorange und lachsrot. Übermütig versuche ich gleich nach der Ankunft, der Sonne entgegen zu steigen, vom Hotel aus mit Schneeschuhen auf den nächsten Berg. Breitbeinig zwar, aber ohne die Latschen würde ich bis zur Hüfte im weglosen Schnee einsacken. Trotz der Kälte läuft mir der Schweiß. Das Schwitzen setze ich abends entspannt in der Sauna fort.
Mit Muskelkater gönne ich mir tags darauf einen Sightseeing-Trip ins norwegische Kautokeino. Hier ist wohl jeder Bewohner Same, jeder zweite Rentier. Die Samen sind in Tracht auf ulkigen Tretschlitten unterwegs zum Einkaufen. Die Rentiere haben Kulleraugenblick und verlassen sich beim Davonlaufen auf breit ausklappende Hufe – die kommen ohne Schneeschuhe aus.

leuku_al_0082 Arto LiitiMärchenhaft: Farbenfrohe Trachten und Rentier-Kulleraugen (Foto: Arto Liiti / Imagebank Finland)

Tags drauf darf‘s mehr Speed sein. Die Hundemeute kann‘s kaum erwarten, dass sie im Zweierpack vor die Schlitten gespannt und der Schneeanker geliftet wird. Mit mächtigen Ruck geht die Reise los, dann wird‘s märchenhaft beschaulich. Sanft zischen die Kufen durch den Schnee, die Karawane kurvt durch den aufdimmmenden Tag. Ich stehe hinten auf den Kufenenden, die Hände um die Rückenlehne gefaustet. Bergan blicken die Hunde mit hängender Zunge kurz zurück, das bedeutet abspringen und ein paar Meter mitlaufen.

MG9721Mikko RyhänenFast schon ein Muss in Lappland: Husky-Safari (Foto: Mikko Ryhänen / Imagebank Finland)

Zwischenstopp. Unter dem Schnee steckt ein See und die Schlittenführer kurbeln einen Bohrer per Hand durch Schnee und Eis. Wasser schwappt schmatzend durchs Loch – saukalt aber lecker. Die Fische springen einem allerdings nicht in den Mund, sie sind unterm Eis im trägen Wintermodus unterwegs. Jeder fläzt sich auf ein Rentierfell vor sein Loch und lässt eine Miniangel ins Wasser tropfen. Eisangeln ist Meditation pur – bis dann doch was anbeißt und ein handlanges Fischlein aus dem Loch flutscht. Okay, darf wieder rein, Rentiergulasch mit Preiselbeeren tut‘s auch.

Finland Icefishing02Eine Kunst für sich: Eisangeln (Foto: Imagebank Finland)

Irgendwann wollen wir die Sau rauslassen und mit dem Motorschlitten durch die klirrende Winterlandschaft jagen. Helm auf, Visier runter und am Gas drehen. Es gibt kein Ziel, nur Geschwindigkeit und das schier unendliche Whiteout. Kein Wunder, dass Finnen nördlich des Polarkreises mit dem Sommer wenig anfangen können. Und wenn sie mal in den coolsten Pub hier oben wollen, steuern sie das famose Hetta Snice-Hotel in Enontekiö an. Gebaut aus Schnee und glasklarem Eis, auch Bar und Gläsern sind aus Eis. Man kann sogar recht mollig schlafen in diesem gefrorenen Traum. Ich gönne mir eine Nacht im dicken Schlafsack und kuschle mich aufs Rentierfell bei konstanten fünf Minusgraden. Der Trick ist, sich vorher in der Sauna aufzuwärmen.

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2 Gedanken zu „Zwischen Eis und Schweiß in Nordfinnland

  1. mein bester Kumpel heißt auch Martin Müller ist aber so ein fader Knochen dass man mit dem nie so etwas cooles machen kann wie du hier geschrieben hast 🙁 Danke fürs Teilen

    1. Schade – aber vielleicht ergreifst Du einfach die Initiative 🙂 Aus meinem Freundeskreis konnte ich mit meinen Berichten schon zwei, drei Leute in den Norden locken, die sonst nur an Strandurlaub denken 😉

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